Marburg. Mit einem Festgottesdienst als „Wechselfest“ vor rund 200 Gästen hat der Deutsche Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD e.V.) am Sonntag, 7. Juni, einen bedeutenden personellen und strukturellen Umbruch vollzogen. Nach fünf Jahren an der Spitze wurde der Vorstandsvorsitzende Frieder Trommer in den Ruhestand verabschiedet, während Frank Spatz offiziell in dieses Amt eingeführt und eingesegnet wurde. Flankiert wird die neue Führung durch Johannes Bormuth, der zum Geschäftsführer aufrückte.
Frieder Trommer: Ein Visionär mit „freundlicher Beharrlichkeit“
In seiner Laudatio dankte Ralf Weidner, Vorstand der DGD-Lebenspark Dachgenossenschaft, Frieder Trommer (69) für sein fünfjähriges Wirken an der Spitze des Verbandes sowie für sein lebenslanges diakonisches Engagement. Er habe das DGD-Netzwerk und eine gemeinsame Identität gefördert und die sehr unterschiedlichen Mutterhäuser wieder enger zusammengeführt. „Ich dachte, ich treffe einen Funktionär. In Wahrheit traf ich einen Visionär“, sagte Weidner in seiner Rede, in der er Frieder Trommers „freundliche Beharrlichkeit“ und seine Gabe, „Menschen zu gewinnen, ohne sie zu überreden“, hervorhob. Als Anerkennung überreichte er Frieder Trommer im Auftrag der Diakonie Deutschland und Diakonie Hessen mit dem Goldenen Kronenkreuz die höchste Auszeichnung der Diakonie. Gewürdigt wurde damit Trommers „lebenslangen Dienst am Menschen“ an wechselnden Einsatzorten, unter anderem beim Süddeutschen Jugendverband „Entschieden für Christus“, proChrist , der Stiftung Christlicher Medien (SCM) und der Stiftung Marburger Medien.
Trommer selbst blickte dankbar zurück: „Es war mir eine Ehre, Gott und Ihnen allen zu dienen und mit den Lebensparks einen Weg für die Zukunft aller Standorte zu finden.“ Passend dazu konnten pünktlich zum Fest die ersten Bewohner in die neuen Lebensparkwohnungen auf dem Hebronberg einziehen.
Das Konzept „Lebenspark“: Brücke in die Zukunft
Das von Trommer maßgeblich vorangetriebene „Lebenspark-Konzept“ ist die strategische Antwort des DGD auf die rapide abnehmenden Schwesternzahlen. „Was waren das für Zeiten, als 3.000, 4.000 und sogar 5.000 Schwestern weltweit im Dienst waren“, erinnert sich Frank Spatz. Doch die Realität sehe anders aus: Schon seit Jahrzehnten werden keine neuen Schwestern mehr aufgenommen. Es sei also wichtig, den DGD neu aufzustellen. Ziel ist es, die Standorte zukunftsfähig zu machen, indem man die Mutterhaus-Areale für neue Wohnformen und Generationen mit den „Lebensparks“ öffnet. Es gehe darum, so Spatz in seiner Predigt, dass die Schwestern, die selbst so viel für andere gesorgt haben, ihre Heimat behalten können und gleichzeitig Neues wachsen kann.
Frank Spatz: Mut zur Doppelrolle durch tiefes Gottvertrauen
Der neue Vorstandsvorsitzende Frank Spatz (Jahrgang 1968) bringt eine breite Erfahrung aus kaufmännischer Ausbildung, Theologiestudium am Seminar St. Chrischona sowie Leitungsaufgaben im Gnadauer Verband und in der Buchbranche mit. Er übernimmt das Amt in einer Doppelverantwortung, da er weiterhin Direktor des Diakonissenhauses Hebron bleibt.
In seiner Antrittspredigt thematisierte Spatz offen die Herausforderungen dieser Aufgabe und den notwendigen Wandel des kompletten Finanzierungssystems des Verbandes. Er erteilte bloßem Zweckoptimismus eine Absage und setzte stattdessen auf eine „lebendige Hoffnung“, die in Jesus Christus begründet ist. Den Ausschlag für seine Zusage gab eine Predigt von Joachim Drechsel, deren Kernfrage ihn tief berührte: „Vertraust du auf dein Vermögen oder vertraust du auf deinen Gott?“. Spatz bekannte: „Wenn ich auf mich und meine Möglichkeiten, mein Vermögen schaue, dann hätte die Antwort, ob ich das Amt annehme, ,nein‘ lauten müssen. Aber im Vertrauen auf Gott bin ich bereit.“ Dabei stellte der neue Vorstandsvorsitzende aber auch klar: „Wenn unsere Hoffnung allein auf ausgeklügelten Unternehmensstrategien, Wirtschaftsplänen und angenommenen Wachstumsprognosen bestehen würde, auch dann bräuchte ich mein Amt nicht antreten.“ Spatz sehe sich „nicht als Topmanager – sondern als Mensch, der mit Gottes Möglichkeiten rechnet.“ Sein Ziel formulierte er mit einem Zitat von Heike Springhart: „Wer glaubt, sieht weiter und lebt aus der Hoffnung, dass das, was ist, nicht alles ist.“
Sein Leitmotiv für den Amtsantritt war das eindrückliche Bild des Theologen und Philosophen Sören Kierkegaard, um das Wesen des Glaubens in Zeiten des Umbruchs zu verdeutlichen. „Wer sich ausschließlich auf seinen Verstand verlässt, verhält sich wie jemand, der am Ufer eines Flusses steht und einen Stein ins Wasser wirft. Er beobachtet, wie der Stein unmittelbar zu Boden sinkt, und zieht daraus den logischen Schluss, dass das Wasser nicht trägt.“ Aus dieser rein rationalen Perspektive erscheine es als eine „dumme Illusion“ zu glauben, man könne im Wasser schwimmen. Spatz betonte, dass man das gegenüberliegende Ufer niemals erreicht, wenn man aus Angst vor dem Ertrinken am Ufer stehen bleibe. „Der Glaube unterscheidet sich vom Experiment mit dem Stein dadurch, dass man selbst springen muss. Glaube ist ins Wasser springen.“
Neue Struktur mit Johannes Bormuth als Geschäftsführer
Um die Doppelrolle für Frank Spatz zu ermöglichen, wurde die Struktur der DGD Hauptstelle angepasst. Finanzchef Johannes Bormuth (60), der seit mehr als 25 Jahren für den DGD tätig ist, wurde zum Geschäftsführer berufen. Er trägt somit die Gesamtverantwortung für alle operativen Arbeitsbereiche der Hauptstelle in der Marburger Stresemannstraße. Frank Spatz betonte: „Nur, weil du die Aufgaben in der Zentrale übernimmst, ist es überhaupt möglich das Amt des Vorstandsvorsitzenden auf eine halbe Stelle zu reduzieren.“
Stimmen der Gäste: Von Fußball und der Arche Noah
Die Grußworte spiegelten die hohe Wertschätzung für den Verband wider. Marburgs Stadträtin Kirsten Dinnebier betonte die enge Verbundenheit der Stadt mit dem DGD: „Was diese Arbeit besonders auszeichnet, ist der Blick auf den Menschen und diese Haltung ist für unsere Stadt von großem Wert.“ Sie ermutigte dazu, Veränderungen als Chancen zu begreifen, denn jedem Ende wohne bekanntlich ein neuer Anfang inne.
Dekan Freiherr Dr. Burkhard von Dörnberg zog humorvolle Lehren aus der Geschichte der Arche Noah: „Noah fängt an das Schiff zu bauen, bevor es regnet. Es ist immer gut langfristig zu planen.“ Er würdigte die Verbindung von Verkündigung und Dienst am Nächsten und gab dem Scheidenden wie dem Neuen mit auf den Weg: „Alter schützt vor Rettung nicht. Gott sei Dank.“
Steffen Kern, Präses des Gnadauer Verbandes, nutzte die bevorstehende Fußball-WM für seine Wünsche: Während für Frieder Trommer nach einer erfolgreichen „Nachspielzeit“ der Schlusspfiff ertöne, gelte für Frank Spatz: „Das Runde muss ins Eckige“ – er solle die neuen Spielräume zielorientiert und in der Gewissheit göttlicher Begleitung nutzen.
Mit der Einsegnung von Frank Spatz und Johannes Bormuth blickt der DGD e.V. trotz aller Umbrüche erwartungsvoll auf das nächste Kapitel – oder wie Spatz es formulierte: „Ich bin überzeugt, dass Gott das letzte Kapitel des DGD noch nicht geschrieben hat.“ Während der bisherige dicke Band, in dem die Diakonissen die Hauptdarstellerinnen waren, zu Ende gehe, erwartet er, „dass womöglich noch ein ganz neuer Band erscheinen wird in der Buchreihe namens DGD“.
- Mehr zum Konzept der Lebensparks unter lebenspark.org
Bildunterzeile: Führungswechsel vollzogen: Johannes Bormuth (vorne, von links) wurde als neuer Geschäftsführer des DGD in sein Amt eingeführt, Frank Spatz löst Frieder Trommer als Vorstandsvorsitzenden ab. Im Hintergrund die Mitgliederversammlung des DGD e.V. – das Aufsichtsgremium des Verbands. Foto: Andreas Schmidt / DGD Stiftung
Über den Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD):
Der Deutsche Gemeinschafts-Diakonieverband DGD e.V. mit Sitz in Marburg/Lahn verantwortet die Arbeit der fünf Diakonissen-Mutterhäuser in Elbingerode (Harz), Lemförde, Marburg, Neustadt-Lachen und Velbert sowie der Schwesternschaft der Stiftung Hensoltshöhe (Gunzenhausen), des Marburger Bildungs- und Studienzentrums und von Francke-Buch. Zur Arbeit der Diakonissen-Mutterhäuser gehören u.a. Bildungseinrichtungen, Gästehäuser und Senioren- und Pflegeeinrichtungen. Der DGD e.V. ist Mitglied im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) und im Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband. Zum DGD e.V. gehören ca. 400 Diakonissen und rund 530 Mitarbeitende, zur DGD Stiftung Krankenhäuser, Gesundheitseirichtungen, Pflegeschulen und Seniorenheime mit mehr als 3.300 Mitarbeitenden.
